Textbüro

Zwölfvierzehn

An der Straßenbahnhaltestelle stehen eine Frau und ein Mann. Betrunken, abgerissen, dick. Sehr betrunken. Die beiden Hunde an ihrer Seite wirken apathisch, als wäre ihnen das alles zu viel. Vor allem die dicke Frau, die keift und brüllt, sich bückt, um den Schnürsenkel am linken Schuh zu richten, dabei fast auf den Boden kippt, so dass man glaubt, gleich das Geräusch hören zu müssen, das Fleisch macht, wenn es auf Asphalt fällt. Nicht, dass man dieses Geräusch schon mal gehört hat, aber man kann es sich vorstellen. Sehr gut sogar.
Die dicke Frau ist hässlich. Nicht, weil sie dick ist. Sie ist einfach so hässlich. Es gibt nichts, was man sich schön gucken kann. Nicht an ihr, nicht an ihm. Auch dann nicht, wäre man hoffnungslos sozialromantisch veranlagt. Zwei betrunkene Menschen streiten sich und machen Lärm. Der Mann droht, die dicke Frau zu schlagen, läuft sie jetzt nicht endlich los, wo die Ampel doch grün zeigt. Die Frau sagt, mach mal, dann kannste was erleben.bueste
Sie schaffen es über die Straße und verschwinden im Einkaufscenter, einem Vorbau der Hölle, in dem nur wenig geschäftiges Treiben herrscht.
Ihr Streit ist kein Streit. Eher eine Art Ritual der Selbstvergewisserung. Dieser Kerl gehört zu mir. Diese Frau ist mit mir hierhergekommen, um Radau zu machen und noch ein Bier zu kaufen. Unsere Hunde sind unsere Hunde. Und Ihr könnt uns alle mal.
Die Verkäuferin am Backstand ruft den Sicherheitsdienst. Jetzt wird’s interessant, sagt sie zu ihrer Kollegin und vergisst, das Wechselgeld rauszugeben. Mein Wechselgeld, moniert die ältere Frau am Verkaufstresen.
Gucken Sie doch mal, sagt die Verkäuferin, die beiden da. Die ältere Frau möchte nicht gucken, sie will ihr Wechselgeld.
Der Mann vom Sicherheitsdienst kommt zu spät. Das laute, betrunkene Paar steht schon auf der Rolltreppe, die sie runter zum nächsten Bier fährt. Aber vielleicht dürfen sie nicht in den Supermarkt.
Erzähl uns nachher alles, ruft die Verkäuferin am Backstand dem Mann vom Sicherheitsdienst hinterher. Der geht lustlos zur Rolltreppe. Was soll er der dicken Frau und dem dicken Mann sagen?
Sind das Ausländer, fragt die ältere Frau am Backstand und dreht sich nun doch um.
Nö, sagt die Verkäuferin. Die haben deutsch gebrüllt.