Textbüro

Zwanzigsechzehn

Aus dem Küchenfenster sehe ich den Mann, der das zehnstöckige Punkthochhaus in seiner Gewalt hat. Er ist Tag für Tag und auch in der Nacht draußen unterwegs, um nach dem Rechten zu sehen. Der Mann trägt Trainingshosen, weiße Turnschuhe, schwarze Shirts. Er spreizt seine Oberarme vom Körper ab, um Muskeln zu zeigen und Stärke zu demonstrieren. Wenn es warm ist, entscheidet er sich für Flipflops und Camouflagelook. Seine Haare sind militärisch kurz geschnitten und grau. Neben dem Hochhaus befindet sich der Parkplatz eines Supermarktes. Der Mann hat entschieden, dass hier nur parken darf, wer einkauft. Und nachts schon gar niemand. Er kontrolliert die Schranke und meldet Falschparker. Manchmal sitzt er vor dem Eingang des Hochhauses auf einer Bank und lässt sich nichts entgehen. Hin und wieder hege ich die Vermutung, dass der Mann mit Gebrauchtwagen dealt. Und dass ihn niemand leiden kann, weil er ein Blockwart ist und genau weiß, wer wann mit wie viel Gepäck und Einkaufstaschen das Haus verlässt oder betritt. Zudem habe ich mir überlegt, dass der Mann möglicherweise früher mal Offizier der NVA war. Manche Trainingshose spricht dafür, auch wenn man die inzwischen in manchen Läden kaufen kann.
Der Mann hat nichts Besseres zu tun, es ist sein selbst erwählter Job, ein Ehrenamt, das niemand angefragt und ausgelobt hat, seine eigene kleine Spielwiese. Vielleicht passt es ihm nicht, in seiner Wohnung zu sein, möglicherweise ist da auch niemand, für den oder die es sich lohnte.
Vor dem Hochhaus blühen auf kleinen Beeten Blumen. Der Mann passt auf, dass auch ihnen nichts passiert. Seine Freundlichkeit ist eher von der falschen Art und wirkt ein wenig bedrohlich. Meist aber ist er zum Glück nicht freundlich.
Vor einiger Zeit hat es in dem Hochhaus gebrannt. Der Mann hatte draußen gestanden und aufgepasst, dass die Feuerwehr alles richtig macht.
Einmal ist an einem Silvesterabend vor dem Haus ein anderer Mann gestorben. Fast eine Stunde lang haben Rettungssanitäter versucht, ihn auf dem Gehweg wiederzubeleben. Es ist ihnen nicht gelungen.
Der Mann stellt manchmal die Einkaufswagen vor dem Supermarkt ordentlich in eine Reihe. Dann tut er mir fast ein wenig leid. Wie er nach einer Ordnung sehnt, die sich nicht mehr herstellen lässt. Vielleicht befällt ihn ein Zittern bei dem Gedanken, irgendjemand könnte etwas Unbefugtes tun auf seinem Areal. Trotzdem mache ich immer einen Bogen um den Mann. Ich will nicht von ihm kategorisiert werden.