Textbüro

Neunzehnfünfzehn

Die Funkzelle ist ein Ort, an dem ich mich befinde. Andere wissen, dass ich dort bin und nicht in der Hölle. Die Hölle ist keine Funkzelle. Dort nützen die Ortungsdienste nicht mehr. Meine Wohnung liegt mitten oder am Rande einer Funkzelle. Ich kenne die Namen aller W-LANs in meiner Umgebung. Sie sind fantasievoll und künden von Optimismus oder einem gewissen Hang zur Albernheit. Nicht alle sind geschützt.
Das Jahr 2014 war das Jahr, in dem ich mir eine Menge Gedanken darüber machte, dass ich fast immer einen Standort habe und meine Beziehungsmuster gedeutet werden können. Ich überschaue nichts mehr. Aber habe ich das jemals getan?
Ich halte mich weiterhin ans geschriebene Wort, und meiner Handschrift sieht man an, dass ich keine Übung mehr habe.
Auf meinem Notizheft, das noch aus dem vergangenen Jahr stammt, klebt ein gelber Zettel. Auf dem steht „Schmetterlingskinder“. Ich wollte nachschauen, wie viele Menschen es gibt, deren Haut sich bei kleinsten Berührungen entzündet. Sie reißt, schlägt Blasen, in denen sich Wasser sammelt. Ich habe vergessen, warum ich nachschauen wollte. Es gab einen Bericht in einer Zeitung. Von einem Kind. Ich sammle Berichte über Verheerungen. Seit jeher tue ich das. Die roten Holzkisten füllen sich mit Nachrichten aus aller Welt, in denen es um Zerstörung und Dummheit geht. Manchmal kleben kleine gelbe Zettel auf den Texten, deren Inhalt ich oft nicht mehr deuten kann. Warum habe ich dort „Die Liliputaner von Hassloch“ auf ein post it geschrieben? Diese Geschichte von Kleinwüchsigen, von denen viele aus der Türkei kamen und die bis 1996 in einem Vergnügungspark ausgestellt wurden, wie in einem Zirkus, war mir in diesem Jahr irgendwann wichtig. Dann nicht mehr, denn ich habe nicht recherchiert.
Die roten Holzkisten sind schön. Handlich. Man kann sie übereinander stellen und einen kleinen Eckturm damit bauen, der die Heizungsrohre verdeckt, die seltsam ausladende Bögen schlagen und keinesfalls schön sind.good_guys

„Aus Seufzern und Erinnerungen weihe ich dir eine Nacht.“ Dieser Satz steht in meiner Handschrift auf einem karierten Zettel, der mit einer Klammer an einen Zeitungsausschnitt über Rituale des Trauerns geheftet ist. Der Satz stammt von Walter Sarage Landor, einem englischen Schriftsteller, geboren 1775, gestorben 1864. Gefunden habe ich ihn in dem Roman „Das Jahr des magischen Denkens“ von Joan Didion. „Man setzt sich zum Abendessen, und das Leben, das man kennt, hört auf.“ Ein Buch, auf das ich gekommen bin, weil die Schriftstellerin 80 geworden ist und das den Feuilletons Grund genug war, über sie zu schreiben. Ich kannte Joan Didion vorher nicht.
„Man hatte immer Hunger.“ Dieser Satz steht auf einem hellblauen Zettel, den ich zwischen zwei Texten über das Internet der Dinge finde. Dort gehört der Satz aber nicht hin. Er gehört zu einem Mann, der mir am Telefon von seiner Zeit im Jugendhaus Halle erzählt hat. „Man hatte immer Hunger.“ Später sei er, hatte der Mann erzählt, in eine relativ erträgliche Haftanstalt gekommen. Weniger Hunger, weniger Prügel. Jugendhaft in der DDR. Ich hatte nicht vor, darüber zu schreiben oder zu recherchieren. Mich hat der einfache Satz mit dem Hunger berührt. Und der Mann, dessen Sprache ein leiser sächsischer Singsang war, das Tempo hoch, aber die Lautstärke sehr zurückgenommen.
„Früher, als es nur schwarz-weiß Fernseher gab, haben die Menschen geglaubt, sie träumten auch schwarz-weiß. Das hat sich mit dem Farbfernsehen geändert.“ Noch ein hellblauer Zettel mit einer Information, die mir wichtig erschienen sein muss. Darunter steht „Klartraumforschung nachlesen bei Melanie Schädlich“.
Wenn ich am Jahresanfang durch die roten Kisten des vergangenen und verlebten Jahres fege, um ihnen zu entreißen, was mich in den vergangenen Wochen und Monaten beschäftigt hat, bin ich im Wechsel ratlos oder überrascht. Die Zusammenhänge, in denen ich die Dinge gesehen habe, erschließen sich nur noch selten.
Das nun neue Jahr wird mich wahrscheinlich ähnlich ratlos machen. Ich brauche noch ein paar leere Kisten.