Textbüro

NeunDreizehn

A. hat eine neue Wohnung. Platte. Gerade Linien, funktional, kühl, nicht schlecht. Nichts, wofür man sich heute noch entschuldigen muss. A. hat ein Gefühl für Räume. Und kein Geld. Sie kratzt die Tapeten von den Wänden und findet hellgrauen, narbigen Beton. War nie als Sichtbeton gedacht, aber nun. Man sieht ihn und er sieht schön aus. In einem Laden in Kreuzberg lässt sich A. einen Eimer Farbe mischen. Gold. Sie streicht im großen Zimmer eine ganze Wand, als sei dies ein Schloss und keine Wohnung von der Stange. Das Gold wird an guten Tagen von der Sonne veredelt. Dann sieht das Zimmer teuer aus.
A. hat schon immer ein Händchen dafür gehabt, einfache Dinge zu adeln. Prekäre Verhältnisse haben ihre Fantasie beflügelt. Der Mangel an Dingen wirkt gewollt. Und gekonnt. So hat sie ihren Stolz bewahrt. Käme eine vom Jobcenter, vermutete die wahrscheinlich Einkünfte, die es Wert wären, die Bezüge zu kürzen. Wer kann sich schon eine goldene Wand leisten.
An einem Abend im Oktober sitzt man in dem hellen, goldenen Zimmer und redet über Politik und das Problem mit dem Telefonanbieter. Letzteres ist schnell abgehandelt. Wir sind alle fürchterlich leidensfähig geworden. Der vierte Techniker wird es richten, bis dahin bleib das drahtlose Internet eine Sehnsucht und das Telefon schnarrt.
Die Politik aber verschlingt einen halben Kasten Bier und niemand geht mehr zum Rauchen auf den Balkon. Was wäre, wenn die sozialdemokratische Basis “Nein” zum Koalitionsvertrag sagt?
A. sagt, das könnte ein ganz verwunschner Spaß werden. Und lacht. Ihre prekären Verhältnisse werden sich so oder so nicht ändern.
Ich habe noch goldene Farbe übrig, sagt sie. Braucht die jemand?