Textbüro

Karl Kessler kuckt Kino VI

Wer einen Sport daraus macht,
braucht für den Spott
nicht mehr zu sorgen.“
Volksmund, dt.

Chantal Akerman: An dem Tag…


An dem Tag, an dem ich mich entschieden habe, über die Zukunft des Kinos nachzudenken, bin ich mit dem falschen Fuß aufgestanden – leider nicht nur an diesem Tag. Ich habe Pampelmusensaft in ein umgedrehtes Glas gießen wollen. Ich habe mein Bad überlaufen lassen. Ich habe mit einer ausladenden Bewegung meinen Kaffeebecher umgestoßen. Ich habe mir mein T-Shirt falsch herum übergestreift. Ich habe vergessen, das Wechselgeld im Tabakladen entgegen zu nehmen, als ich mir Zigaretten gekauft habe, die dich dann liegen gelassen habe. Ich habe Glückwunschpostkarten zum Geburtstag bekommen und musste weinen. Ich habe das falsche Telefon abgehoben, als es geklingelt hat. Das E auf meiner Tastatur ist hängen geblieben und ich musste an jemanden denken, ohne mich an seinen Namen zu erinnern. Hinterher ist mir der Name wieder eigefallen, Georges Perec. Hat er an die Zukunft der Literatur gedacht, als er schrieb? Ich dachte plötzlich, dass er so früh gestorben ist, weil er zu viel geraucht hat und habe daraufhin meine Zigarette im Aschenbecher ausgedrückt, mir aber gleich eine neue angezündet. Ich habe die Freundin angerufen, die mir die Karte geschickt hatte und hatte auf einmal jemand anderen am Telefon. Ich habe gesagt, „Entschuldigen Sie, ich bin noch nicht wach.“

An dem Tag, an dem ich mich entschieden habe, über die Zukunft des Kinos nachzudenken, war ich auf einmal sicher, dass ich die nicht mehr erleben werden. Ich habe mich gefragt, ob die Zukunft wirklich immer vor einem liegt. Ich habe also vor mir geschaut und mich dann umgedreht. Ich habe mich gefragt, ob Leute, die mit hängendem Kopf herumlaufen, überhaupt einen Sinn für die Zukunft entwickeln können oder nur die, die mit stolz erhobenem Haupt durchs Leben gehen. Ich war mir sicher, dass ich meine Zukunft bereits hinter mir habe, weil man bei einem Menschen meines Alters normalerweise nicht sagt, er hätte eine schöne Zukunft vor sich. An dem Tag, an dem ich mich entschieden habe, über die Zukunft des Kinos nachzudenken, bin ich also wirklich mit dem falschen Fuß aufgestanden. Wenn man mit dem falschen Fuß aufsteht, kann man nicht denken. Und vor allem nicht an die Zukunft des Kinos. Wenn man mit dem falschen Fuß aufsteht, sollte man am besten gar nicht aufstehen. Man sollte sich keinen Pampelmusensaft eingießen (wenn es noch welchen gibt). Man sollte sich kein Bad einlaufen lassen, sich keinen Kaffee machen (wenn es noch welchen gibt). Man sollte auf keinen Fall seinen Hund rufen. Wenn man mit dem falschen Fuß aufsteht, sollte man nicht Geburtstag haben und auch nicht telefonieren. Und noch weniger an Georges Perec denken. Schon gar nicht an Literatur. Man sollte auch nicht zu wildfremden Leuten sagen, ich bin noch nicht wach. Wenn man mit dem falschen Fuß aufsteht, sollte man wieder ins Bett gehen. Wenn man dann zufällig wach wird und man an etwas denkt, ohne eigentlich zu denken, das, man weiß nicht wie, durch den nunmehr wachen Kopf schießt, der in diesem Moment vergisst, dass er denken soll, freut man sich plötzlich, weil vielleicht morgen oder übermorgen oder an einem der kommenden Tage etwas aus dem völligen Dunkel zum Vorschein kommt und man plötzlich sicher ist, dies wird ein schönes Stück Kino.

Der Text, erstmals in der französischen Zeitschrift „Trafic“ veröffentlicht, ist hierzulande in der Filmzeitschrift „Revolver 34“ erschienen, die im Verlag der Autoren verlegt wird.

Chantal Akerman ist am 5. Oktober 2015 in Paris gestorben.

einundansichten

Ich habe sogar das Gefühl, dass die Stereotypisierung zunimmt. Gerade die Mädchenfiguren sind extrem sexualisiert, und nicht nur im Kino, sondern auch auf youtube, in der Musikindustrie. Das gilt schon für Mädchen eines sehrt jungen Alters. Da findet gerade ein Rückschritt statt, vor allem im Mainstreamkino. Es entfernt sich immer mehr von der Wirklichkeit. Vor zwanzig, dreißig Jahren mochte das noch angehen, aber ich frage mich wirklich, wann wir endlich eine treffendere Darstellung von Frauen im Film sehen werden.“

Iciar Bollain („El Olivo“) in „Indiekino Berlin“, August 2016

Am liebsten würde ich hier gleich eine Liebeserklärung an diesen einfachen und komplexen Film abliefern – aber ich bin ein zu miserabler Minnesänger und Liebe macht ja bekanntlich auch ein wenig blöd und deshalb wird die Sache etwas schwierig. Viele der Besonderheiten von TONI ERDMANN bilden sich in kaum benennbaren Details ab. Der Film balanciert auf einem vereisten Grat im (dramaturgischen) Hochgebirge und ist dauernd in Gefahr entweder links oder rechts abzustürzen – da möchte man ihn ungern mit einer These aus dem Gleichgewicht bringen. Ober eben mit Liebesballaster links oder rechts abzustürzen.“

Ludger Banke in „Cargo“, Juni 2016

Es gehört Mut dazu, so einen Film zu machen, nicht nur, weil es (erst) der Abschlussfilm Uisenma Borchus ist, sondern vor allem, weil es der Regisseurin darum ging, ein sehr persönliches Gefühl ins Filmische zu übersetzen, und sie dies auf ungewöhnliche Weise tut. Die, die angeschaut wird, die sich den Blicken anderer erwehren muss, die gezwungen ist, zurückzuschauen, ist Hedi nämlich nicht. Ihr im Film oft nackter Körper spricht eine Sprache, die sich der der Objektivierung entzieht. Sie, die von Anfang bis Ende eine Ordnung aus den Angeln zu heben scheint, will sich nicht als `anders` verstehen und ist damit das, was Uisenma Borchu von sich selbst sagt: frei.“

Toby Ashraf über „Schau mich nicht so an“ von Uisenma Borchus in „IndiekinoBerlin“, Juni/Juli 2016

Das hat auch damit zu tun, dass ich im Kino nicht in erster Linie berechenbare Konsumentin sein will, sondern eine Zuschauerin, die ernst genommen wird, die sich ihre eigene Meinung bildet, die Bilder versteht und für die nicht jeder Bruch ausgebügelt werden muss. Ich möchte über die Filme nachdenken. Dazu brauche ich Reibflächen, offene Räume und Diversität. Um die Auswahl zu bewältigen, brauch ich Hilfe: von Programmkinos, von Filmfestivals oder von Zeitschriften und Onlineplattformen. Zum Glück überleben in dieser Welt nicht die `fittesten` Filme, sondern auch die intelligenten, kleinen, schönen und alten. Und zum Glück finden sie andere für uns.“

Tereza Fischer über die Qual der Wahl in „film bulletin – Zeitschrift für Film und Kino“, 4/2016

Weltberühmt in Dusseldorf

Harald Juhnke, Berliner, Alkoholiker, Entertainer und dennoch Realist wusste von sich zu sagen: Weltberühmt sei er nur in Berlin. Diese schöne großkotzige Bescheidenheit ließ vieles vergessen, was er sonst so von sich gab. Das gelingt nicht vielen. Einer unter den vielen ist der Regisseur, Produzent und ehemalige Fußballspieler Sönke Wortmann, Jahrgang 1959, der sich 1983 an der Hochschule für Fernsehen und Film München für ein Regiestudium einschrieb, das Studium erfolgreich abschloss und seitdem mit großer Beharrlichkeit mit seinen Filmen foltert. Ein gutes Dutzend sind es mittlerweile.
Darunter auch „Das Wunder von Bern“ (2003), ein Remake jenes Ereignisses, das 1954 die Welt erschütterte: das Team des westlichen Restdeutschlands unter der Leitung von Sepp Herberger, der schon im Dritten Reich dem Fußball und dem Führer gedient hatte, gewann die Fußball-Weltmeisterschaft. Danach verfiel das Team in eine kollektive Gelbsucht, die böse Menschen als die Nachwehen eines kollektiven Dopings bezeichneten, aber in Wahrheit soll es der Mannschaftskoch gewesen sein, der sich irgendwie in den Gewürzen und so vergriffen hatte.
Wortmanns Film über die Schlacht im Wankdorfstadion in Bern wies Wortmann den Weg: Beim Confederation Cup 2005 und während der Fußball-WM 2006 begleiteten er und seine Kamera die jetzt wieder deutsche Fußball-Nationalmannschaft, er saß bei jedem Spiel auf der Trainerbank und schnitt vor jedem Spiel Lehrmaterial zusammen, damit die deutschen Mannen sehen konnten, was auf sie zukommt. Daraus entstand ein zweistündiger Dokumentarfilm über die Deutschen während der WM, der unter dem Titel „Deutschland. Ein Sommermärchen“ in die Kinos kam und von vier Millionen Menschen gesehen wurde.
Danach gerade noch „Die Päpstin“ (2009) und dann nichts mehr. Fast jedenfalls . Wortmann drehte Werbespots unter anderem für Nike, Geroldsteiner, Bitburger, Sony, Air Berlin, Commerzbank, Deutsche Bank, Prinzenrolle, Nivea, DFB, König Pilsener; Früh Kölsch, Vodafone, Honda, Dresdner Bank, Solar World, HanseMerkur Versicherungsgruppe, AchenerMünchner, Rewe und auch die Deutsche Bahn. Da lepppert sich schon was zusammen neben den Edelaufgaben: ab 2008 unterstützte er die Aktion „DeinFußballClub“, die 2012 beendet wurde, aus dem Erlös des Sommermärchens wurde SOS-Kinderdörfer unterstützt. Im Gegenzug erhielt er das Goldene Ehrenzeichen der SOS-Kinderdörfer. Als Mitglied von Bündnis 90/Die Grünen gehörte er 2010 und 2012 bei der Wahl der Bundespräsidenten der jeweiligen Bundesversammlung an. Das hat schon was.

Und jetzt, nicht unbedingt herbeigesehnt, hat er sich zu einem neuen Film emporgeschwungen mit dem fetzigen Titel: „Deutschland. Dein Selbstportrait.“

Das schauen wir uns jetzt mal an. Augen zu und durch:
Die Vorgeschichte, die man nicht sieht in diesem Film, ist schon bombastico. Für den 20. Juni waren alle Menschen, die hier in diesem Land leben, eingeladen, an diesem einen Tag ein Selbstporträt, also so etwas wie ein kinematografisches Selfie von sich oder den lieben Angehörigen oder auch Freundinnen und Freunden zu machen. In der medialen Öffentlichkeit wurde reichlich für die Teilnahme getrommelt: Bierhoff, Rohde, Gwisdek, Maischberger, Mir, Witt und all die anderen, die wie Harald Juhnke, auch nur in Deutschland weltberühmt sind. 10 000 und nicht etwa Zehntausende machten mit und offenbarten sich in der Öffentlichkeit in einer Melange aus Menschen, Tiere, Sensationen und besonders traurigen Einzelschicksalen, aus Wetterberichten und Sprüchen aus dem Poesiealbum, die einen lachen, andere weinen, die einen heiraten und andere beklagen die Abschaffung der deutschen Telefonzellen. Das alles und noch viel mehr ergibt eine Bilderpampe die so zufällig wie nichtssagend und ungenießbar ist. 100 Euro gab es als Aufwandsentschädigung für die Mitmacherinnen und Mitmacher. Das grenzt schon an Missbrauch.

 

Blindfilm_sechs

Das Deutsche Fernsehen /ARD sendet am 3.August 1984 um 23.15 Uhr den amerikanischen Spielfilm „Von der Liebe zerrrissen“ (Torn Between Two Lovers) in deutscher Erstaufführung. Eine attraktive junge Frau begegnet durch einen Zufall einem erfolgreichen Architekten, als beide für einige Stunden auf einem eingeschneiten Flughafen festgehalten werden. Sie ist verheiratet, er geschieden. Aus einem freundlichen Flirt entwickelt sich bald eine zarte Romanze zwischen ihnen. Die junge Frau sieht sich damit vor der Wahl zwischen zwei Männern gestellt, die sie beide liebt.

Regie: Delbert Mann; Drehbuch: Doris Silverstone; Kamera: Robert Saad; Herstellungsjahr: 1979.

Diana Conti (Lee Remick) ist glücklich mit dem Star-Architekten Paul Rassmussen (George Peppard), wenn die beiden sich heimlich treffen. Ihr Mann ahnt noch nichts davon.