Textbüro

Karl Kessler kuckt Kino V

Ist ja alles wie im Kino hier (2)

gabriel_merkel_seehofer

Nur zur Erinnerung: Einem Minister und Vizekanzler ist das Jackett schon wieder zu eng geworden. Eine Kanzlerin ahnt Böses von links und ein Ministerpräsident schaut ebenfalls nach links und muss sich offenkundig am Sessel festhalten. So sieht Optimismus aus. Sie schauen zwar auf dem Foto nach links, aber tatsächlich nach rechts. Ganz wohl ist den Dreien aber offensichtlich nicht. Die drei machen sich breit, aber nach oben hin ist noch reichlich Luft. Ist der Fotograf oder die Fotografin zu früh oder zu spät gekommen? Das sieht man dem Bild nicht an. Die Kadrierung der Zentralperspektive ist außergewöhnlich für ein Pressefoto: viel, sehr viel Luft über den Häuptern. Ein Missgeschick?
Kein Missgeschick ist eine ebensolche Kadrierung in dem relativ schnell durch die Kinos gehuschten Film „Ida“ des polnischen Regisseurs Pawel Pawlinksi, der Anna, die Protagonistin des Films (Vollwaise, Novizin) begleitet auf der Suche nach ihrer letzten verbliebenen Verwandtschaft. Sie sucht und beobachtet am Rande des Lebens, das ihr fremd ist. Pawlikowskis Kameraauge hält still. Keine Zooms, keine Reißschwenks, kaum Fahrten und vor allem: alles in Schwarz-Weiß im 4:3-Format. Um sie herum ist immer viel Raum voller zahlreicher Grautöne:

ida

In der Schweizer Filmzeitschrift „Filmbulletin“ prophezeit Pierre Lachat (Sei gegrüßt!), dass die besten Jahre des polnischen Films erst noch kommen werden:
DAS MESSER IM WASSER von Roman Polanski wird bald einmal Massstäbe und etwas früher haben es auch die ersten Arbeiten von Andrzej Wajda getan: zum Beispiel KANAL oder ASCHE UND DIAMANT. Gewiss: tempi passati. Doch wenigstens von der Leinwand her gesehen könnte das Polen des einundzwanzigsten Jahrhunderts eine Besinnung auf jene noch halbschummrigen, aber zu ihrer Zeit sehr wirksamen Beispiele dankbar ertragen. Auf dem Punkt insistierte Pawlikowski leise, doch vernehmlich genug.“

Kleiner Hinweis: „Body (Cialo)“ von Malgorzata Szumowska, Polen 2015; „Dibbuk – Eine Hochzeit in Polen“ von Marcin Wrona, Polen/Israel 2015

Frederick Wisemann? Wer ist denn das?

jackson_heights

Jackson Heights ist ein Viertel im New Yorker Stadtteil Queens. Ungefähr 130.000 Menschen leben dort. Mit seiner sich schon seit Generationen immer wieder überschreibenden Geschichte von Migration ist es, das werden wir im Film mehrfach zu hören bekommen, eines der kulturell diversesten der Vereinigten Staaten. “In Jackson Heights” wird der Film für 190 Minuten verweilen. Er streift durch die Straßen, blickt auf Häuserfassaden und Geschäftsauslagen, entziffert Straßenschilder, lauscht den Geräuschen, beschreibt Arbeitsvorgänge und die Räume in denen sie vollzogen werden, beobachtet das Geschehen auf Straßen und Plätzen, nimmt an Versammlungen teil und fängt Diskussionen ein, Debatten, Verhandlungen und Streit, hört dramatischen Erzählungen ebenso zu wie beiläufigen Alltagsplaudereien, wohnt religiösen Zeremonien bei, Demonstrationen, Feiern und Paraden und fängt, zumeist auf der Straße, in wiederkehrenden Kaskaden von Großaufnahmen eine Unzahl von – meist stummen – Porträts von Anwohner*innen und Besucher*innen ein. Ein großes Mosaik aus den Dingen, Orten, Gesichtern, Wörtern der Stadt; zu allererst, auf einer unmittelbaren Ebene ist der Film – der kaleidoskopisch anmutende Bilder- und Töne-Reigen, den er aufführt – als eine Eloge auf das großstädtische Leben lesbar.

Frederick Wisemans Kino, das mittlerweile an die vierzig dokumentarische Werke und einen Zeitraum von einem halben Jahrhundert umfasst, wird gerne als der epische Versuch interpretiert, Institutionen zu vermessen, in denen sich die (zumeist) US-amerikanische Gesellschaft offenbart. Neben Filmen über staatliche und gesellschaftliche Institutionen im engeren und einem weiteren Sinne, über Polizei und Militär, Schule, Krankenhaus und Wohlfahrtsamt, Bundesstaatsparlament und Universität, Opernhaus, Theater, Ballett und Museum, Boxclub, Modelagentur, Warenhaus und Pferderennbann finden sich darunter auch Filme, die sich zunächst gar nicht auf den Begriff einer Institution bringen zu lassen scheinen: Zwei Filme über den staatlichen Umgang mit häuslicher Gewalt etwa, oder die beiden “Kleinstadtsymphonien” (Volker Pantenburg) “Aspen” und “Belfast, Maine”, die ganze Städte portraitieren.
Wiseman beschreibt den institutionellen Rahmen seiner Filme als Fokus und Beschränkung einer Beobachtung: “Meine Filme handeln von Institutionen. Ich definiere das als einen Ort, der seit einiger Zeit existiert und der feste geographische Grenzen hat. Die Institution dient dem selben Zweck wie die Linien und das Netz auf einem Tennisplatz, d.h. sie
schafft Beschränkungen. Was auch immer innerhalb dieser Begrenzungen stadtfindet, ist Kandidat dafür, in den Film aufgenommen zu werden. Im Fall von ‘In Jackson Heights’ habe ich vor allem zwischen der 72sten und der 92sten Straße gedreht, sowie zwischen Roosevelt Avenue und Northern Boulevard.”

Worauf sich Wisemans Blick in dieser Fokussierung und Rahmung vor allem richtet, sind Begegnungen, die innerhalb dieser Orte stattfinden, die Verhältnisse, in die Menschen dort zueinander gesetzt werden, und die Beziehungen, die sie stiften. Im Falle von “In Jackson Heights” bleiben Privaträume weitgehend ausgespart, und freundschaftliche Begegnungen wie Strickrunden oder eine Café-Plauderstunde im Community Center sind von Interesse, insofern sie an öffentlichen Orten stattfinden. Gleichzeitig entfaltet sich das Panorama, das Wiseman aufnimmt, vorwiegend im Off der staatlichen Apparate, sieht man von dem Stadtratsabgeordneten Daniel Drumm ab, der prominenteste aus einer kleinen Handvoll weniger wiederkehrender Protagonist*innen, in einem sich ansonsten immer weiter ausdehnenden Kreis von Bewohner*innen. Doch auch Drumm bzw. sein Team erscheint weniger als Exponent einer staatlichen Verwaltung, sondern als Aktivist, Anlaufstelle für Sorgen und Wünsche, Moderator mitunter konfligierenden Anliegen, bisweilen auch als liebenswertes Maskottchen oder Wahrzeichen des Viertels. Von queeren Aktivist*innen, Community Organizern, Selbsthilfegruppen von Migrant*innen mit und ohne legalem Aufenthaltsstatus, Geburtstagsfeiern für lokale Bekanntheiten, bis zu einem christlichen Stadtverschönerungstrupp ist die häufigste Form der Begegnung eine, in der, oft im mikrogesellschaftlichen Rahmen, nichts weniger verhandelt wird, als wie wir Leben wollen.

“Realitätsfiktionen” ist der Begriff, auf den der Regisseur seine Arbeiten selbst gerne bringt. Darin steckt nicht nur eine Absage an einen vermeintlichen (hauptsächlich von Außen herangetragenen) naiv-indexikalischen Wahrheitsanspruches des direct cinema. Der Begriff lässt sich in Verbindung bringen mit Wisemans spezifischer Arbeitsmethode: Weitgehend ohne Vorrecherche verbringt er meist wenige Drehwochen am jeweiligen Ort, und dann ungefähr ein Jahr im Schneideraum, setzt die Einstellungen zu Szenen und die Szenen zu einer Erzählung zusammen. Damit kann man die Montage als Fiktion verstehen, insofern sie einzelne Momente zu Situationen, Orte zu Räumen zusammenfügt, zu erzählerischen wie sozialen, und beides zueinander in Bezug setzt.
Das beginnt hier, wie auch schon in “Belfast, Maine”, bei der Erzählstruktur, die die Wochen der Drehzeit zu aufeinanderfolgenden – im Falle von “In Jackson Heights” drei – Tagen verdichtet, die so nicht stattgefunden haben, aber vom Rhythmus eines Ortes und seiner Zusammenhänge erzählen. Innerhalb dieser fiktiven, weil
filmisch hergestellten Räume kann etwas erscheinen, das sich, weil es in Verhältnissen begründet ist, einer unmittelbaren Sichtbarkeit entzieht. Wisemans Räume sind damit stets politische, ihr Zusammenhang keine bebilderte Sozialtheorie, sondern ein Nachdenken über Sozialität mit filmischen Mitteln.
Zwischen Protesten gegen homophobe Gewalt, dem Versuch Kleingewerbebetreibende gegen drohende Delogierungen als Gentrifizierungsfolge zu verteidigen, individuelle wie kollektive Möglichkeiten im transamerikanischen Migrationsregime auszuloten, oder auch einem herzzerreißend komischen Gespräch über Einsamkeit im Alter erzählt “In Jackson Heights” davon, was es bedeuten mag, einen eigenen Ort zu schaffen, ihn mit anderen zu gestalten und gegen permanente Bedrohungen zu verteidigen. Eine Präsenz, die so euphorisch wie prekär sein kann. Von dem Eindruck einer
unumwunden Liebeserklärung an die Stadt als Ort einer demokratischen wie sinnlichen Erfahrung nimmt diese Reflexion nichts zurück. Sie vermehrt sie allerdings um ein Verständnis für ihre Voraussetzungen, ihre mühsamen Gemachtheit, Komplexität und Fragilität und einer präziseren Adresse.

Sebastian Markt

in www.perlentaucher.de vom 8.6.2016

Frederick Wiseman: In Jackson Heights; USA 2015; 190 min.

Was läuft denn so?
Toni Erdmann“ von Maren Ade mit Sandra Hüller, Peter Simonischek, Deutschland 2016; „90 Minuten – Bei Abpfiff Frieden / 90 minutes war“ von Eyan Halfon mit Detlef Buck, Moshe Igvy, Deutschland/Israel 2015/2016; „Schau mich nicht so an“ von Uisenma Borchu mit Uisenma Borchu, Catrina Stemmer, Josef Bierbichler, Deutschland/Mongolei 2015

Ach ja, da war noch was
Fußball-EM. Ich sag’s mal gleich: Die besten Fußballfilme sind: „Mein Name ist Joe / My name ist Joe“ und „Looking für Eric / Looking for Eric“. Beide von Ken Loach. Der eine entstand 1998, der andere von 2009.

Und sonst? Nur viel Pillepalle.

Zwei Ausnahmen:
Fußball wie noch nie“ von Hellmuth Costard aus den Jahren 1970/1971 und „Deep Play, eine Medieninstallation von Harun Farocki für die documenta 12 im Jahre 2007.
Costard positionierte am 12.September 1970 im Old-Trafford-Stadion in Manchester acht erfahrene Kameramänner rings um das Spielfeld. Manchester United spielte gegen Coventry City. Das Spiel endete mit einem 2:0-Sieg der Heimmannschaft. Die Kameras des Costard-Teams richteten sich während der 90 Minuten allein auf einen einzigen Spieler: George Best, einen gebürtigen Nordiren, der in diesen Jahren zu den weltweit besten Fußballern gehört.
Farocki installierte für seine Dokumentation des Fußball-WM-Finales in Berlin im Jahre 2006. Man sieht, so Diedrich Diederichsen, „ das so genannte Weltbild der Fernsehanstalten, je einzelne Spieler beider Mannschaft, aber auch computergenerierte Abstraktionen des Spielfluss, die uns die Erkenntnis vermitteln, dass das intelligente, spontane Einzelentscheidungen wie spielkulturelle Gewohnheiten und taktische Ideen absorbierende Netz aus Bezügen zwischen Ball führenden, passenden, Ball annehmenden und laufenden Spielern, bezogen auf die Größe des Spielfeldes, ungefähr der Vielfalt von Konstellations- und Bewegungsmöglichkeiten entspricht, die ein gewöhnlicher Schwarm Guppys in einem mittelständischen Aquarium bietet. Das ist erhaben, stimmt aber auch wehmütig.“

westernhagen

DER SCHNEEMANN
In dem neuen Film von Peter F. Bringmann spielt Marius Müller-Westernhagen den glücklosen, abgehalfterten Abenteurer Dorn, der mit flotten Sprüchen und kleinen Geschäften das Überleben probt. Als er gerade dabei ist, 50 000 Pornohefte zu verhökern, wird er von der Polizei gestört. Dorn flieht, stolpert zufällig über ein Leiche und wird zwei Minuten später als Mörder verhaftet.
Nachdem man ihn verdächtigt, geschlagen und dann kurzerhand zu verbrennen versucht hat, gelingt ihm die Flucht nach Frankfurt. Dort stellt er fest, daß ihm seine Abenteuer zumindest eines eingebracht haben – den Besitz von 5 Kilo Koks. 5 Kilo Schnee vom Feinsten! Dorn sieht die Chance seines Lebens und zögert nicht, sie unverzüglich zu Geld zu machen.
Von zwei rivalisierenden Banden gejagt, gelinkt es dem einfallsreichen immer wieder die Profis zu überlisten, bis er schließlich in Cora, einer ebenso rätselhaften wie verführerischen Frau, seiner eigentlich Herausforderung begegnet.

Foto: Neue Constantin Film