Textbüro

Karl Kessler kuckt Kino IV

„I’ve been
photographed
to death.“

 Antwort Marlene Dietrichs
auf Maximilian Schells Anfrage,
ob sie wohl in seiner Dokumentation
„Marlene“ auftreten werde.

 

Ist ja alles wie im Kino hier
In den überregionalen Zeitungen vom 15. April 2016 erschien ein Farbfoto, das in leichter Untersicht (von links) Sigmar Gabriel (dunkelgrauer, einreihiger Anzug, hellblaues Hemd, helle einfarbige Krawatte), Angela Merkel (mittelbraunes Jäckchen der bekannten Machart, rotes Shirt, schwere, dunkelbraune Kette) und Horst Seehofer (dunkelgrauer einreihiger Anzug, hellblaues Hemd, schrägt gestreifte Krawatte, am linken Revers ein Sticker) zeigt. Gabriel knöpft sich gerade sein Jackett zu und hat die Augen geschlossen, Angela Merkel hat die Augen aufgerissen und stemmt sich aus dem Sessel nach oben, Seehofer hält sich an einer Sessellehne fest und schaut irgendwie in die Ferne. Vor den dreien sind, stark angeschnitten, zwei Wasserflaschen und zwei Trinkgläser sowie zwei kleine Mikros zu sehen. Der Hintergrund, der gut zwei Drittel des Bildes einnimmt, ist eine sanft-blaue Wand.

(Fortsetzung folgt)

 

„der seele ist das gemeinsame eigene, das sich mehrt“

heraklit
wenn vor zehn jahren einige frauen vielleicht dumpf gewünscht haben, im kino auch mal etwas von eigenen erfahrungen zu sehen, so blieb dieser wunsch doch vage und stumm. Oft äußerte er sich nur als ein vermerkter protest, weniger oder gar nicht mehr ins kino zu gehen, der politik ganz fernzubleiben usw., weil sowieso nirgendwo eigeninteressen verhandelt wurden.
vor zehn jahren als filmmacherin unter lauter männern im eigenen beruf – abhängig von geldgebenden männern – diesem wunsch zum ausdruck verhelfen zu wollen, bedeutete, außerhalb des berufs mit anderen frauen diesen wunsch kollektiv bewußt machen zu müssen. Das hieß: zeit zu stecken in die organisierung der frauenbewegung und wenig zeit in den film…

vom inneren eigenen protest bis hin zur ersten gruppe, wo er ausgesprochen werden konnte, dauerte es jahre.
vom ersten kinderladen, 1968, von frauen gegründet aus not, im aktionsrat zur befreiung der frauen,um die zeit zu finden, die eigenen erfahrungen zu ordnen und miteinander zu vergleichen (zu entdecken, daß es schon einmal eine frauenbewegung gegeben hatte.)bis zu den ersten ergebnissen kultureller arbeit – als ergebnisse der durch kollektive anstrengungen gewonnenen zeit - , dauerte es wieder fünf Jahre.
frauen im leben und im kino anders sehen wollen, wird heute prägnant geäußert, wir sehen den beginn, es kollektiv-kooperativ an den einzelnen arbeitsplätzen in die tat umzusetzen. Dahinter sind jetzt schon zehn jahre kollektiver arbeit.

anders geschildert:

vom verlegenen ersten zusammenkommen in eigener sache zum trotzigen zusammenrotten gegen das wiehernde gelächter der genossen, die die türen aufrissen, hinter denen die frauen saßen (…was machen die da?…die emanzipieren sich) zum ausschluß der männer – zur verteidigung des rechts auf separation – zur offensive.
Das aber war eben der grund, – die gerüchte von aufsässigkeit – den die machtvolleren männer brauchten (die mehr macht hatten, als nur durch ironisches lachen zu verunsichern), um an den arbeitsplätzen – besonders den freiberuflichen – vor den frauen die türen zu schließen. denn: emanzipation ist nicht befreiung. Emanzipation ist, wenn mal ein mann seiner frau beim abwasch hilft. basta.

Die fdp- spd- und parteilosen abteilungsleiter strichen sich über den bauch, endlich eine aufgabe. Sogar marx wurde zitiert von den frauen. Ihnen als autorität um die ohren gehauen. Sie kannten sich plötzlich aus im grund- und nebenwiderspruch, die herren in den öffentlichen sendeanstalten. Und die frauen waren nun mal nur der nebenwiderspruch (…mann könne doch da auf ihr verständnis zählen…)

Diese pionierinnen heute: arbeitslos oder tot.
(den frauen eine chance: 10 minuten magazin! 45 minuten feature! das jahr der frau)

die frauen jetzt: die ergebnisse aus der bewegung werden in den beruf getragen/lobby/ gleichzeitig vorsicht gegenüber lobby, man will kein standesbewußtsein der weiblichen filmer züchten/gegen den frauenkitsch/ressgnation/kampf gegen resignation/filmpolitik – koalitionen/mit wem? den frauen und männern, die wir in der arbeit kennen- und schätzen lernen/kollektive kontrolle durch eine bewegung, die wir mitkontrollieren/

„die kollektive arbeit dagegen impliziert selbstorganisation und selbstdisziplin. daher fühlt der arbeiter sich anfangs von seiner arbeit viel mehr in anspruch genommen als früher unter der hierarchischen struktur mit einem chef an der spitze. die leute fühlen sich also eingezwängt. sie sagen‚ die kooperative vorne, die kooperative hinten. immer nur die kooperative, das ist ja zum totlachen!’ die bewußtwerdung der ganz persönlichen entwicklung wird tagtäglich vergewaltigt vom gewicht des kollektiven projektes. das ist sehr hart.“

(aus: helga m. novak: „die landnahme von torre bela“, rotbuch, berlin 1976)

läßt man einmal locker, sind unter umständen die vorher geleisteten arbeiten umsonst gewesen. man muß den druck laufend selbst erzeugen, denn es fehlt der sonst übliche ökonomische zwang, der antreibt. vorsicht ist geboten im kollektiv, solange noch nicht die wirklichkeit schlagend diktiert, was die hauptsache und was die nebensache ist.

die instabilität mancher kollektive kommt oft daher, daß einzelne doch noch die alternative haben, sich auch ohne rückhalt in der gruppe zu behaupten. für die leute von torre bela – siehe zitat – gilt das nicht. Da gibt es entweder das kollektiv oder den untergang.

in friedenszeiten gibt das gemeinsame bemühen, einen bestimmten sachverhalt darzustellen oder durchzusetzen, dem kollektiv auch oft etwas krankhaftes. es dringt in alle lebensbereiche, mit schleimiger kontrolle. die nie diskutierte frage: wie schützt man sich vor dem eigenen kollektiv.

Diese frage ist bisher noch nie gelöst, nicht einmal richtig angegangen. sonst würden nicht sämtliche Parteiorganisationen das hierarchische, den zwang, zum inhalt der organisationsstrukturen machen, würden sich nicht, um befreiendes zu erreichen, auf den druck stützen, den bekannnten, der die leute zum parieren bringt.

sind wir in „fuf“ ein kollektiv, frage ich mich. zusammengehalten durch ein gemeinsames interesse – manchmal trägt es nicht weit – durch respekt für die arbeit – manchmal ist er gering -, man lernt sich kennen und schätzen, konkret, ohne sich blindlings zu tolerieren. aus anfänglicher fremdheit wächst kenntnis der personen. Man bekommt ein unsentimentales verhältnis zu den eigenen stärken und schwächen und denen der anderen. darum mag man sich. man hasst sich auch zuweilen. weil alle kräfte zusammengenommen oft immer noch schwäche zeigen und nicht kraft.

wir haben zwar einen strang gemeinsamen willens, aber auch andere wünsche, die diesen gemeinsamen willen torpedieren. ein ambivalentes kräfteverhältnis in den personen selbst und zwischen den personen. Es fixieren: das trennende zwischen verbündeten und das verbindende zwischen gegnern.

was verbindet mich mit bundeskanzler schmidt?: vermutlich zeitknappheit, disziplin, das gefühl, sich nur in teilen zu entfalten, kreativität unterdrücken zu müssen, verantwortung übernehmen können, ziemlich wahrscheinlich auch der neid auf spätaufsteher…“geht doch arbeiten“…denke auch ich manchmal von bundesgenossen.

was heißt das?
was verbindet uns mit „filmkritik“?
das interesse an film.
warum sind wir dann kein kollektiv?
oder sind wir es im bewußtsein der leser, die beides lesen?
ergänzt man sich?

die schreiber der filmkritik haben 5000 filme gesehen. wir haben je 5000 hauptmahlzeiten gekocht. gibt es da querverbindungen, ergänzungen? oder geht ein kollektiv nur zwischen leuten eines genres? gibt es keinen „chinesischen weg“? „filmkritik“ macht ein heft über den frauenfilm, ohne „frauen und film“ zu erwähnen. erfährt man so etwas über kultur und kritik? sind wir die banausen und sie die sensiblen? die gedanken beim abwasch mit dem wissen von vielen gesehenen filmen verbinden, ist das möglich?

Was trennt uns von unseren freundinnen, den feministischen filmemacherinnen, journalistinnen…die konkurrenz. die einsicht zur gemeinsamkeit ist auch die einsicht in die notwendigkeit von gemeinsamkeit.

eine Kernfrage: wie lernen wir, spezialisten zu kontrollieren? etwa durch abschaffung von spezialisten, wie uns einige weismachen wollen? wie können wir arbeitsergebnissse von ihnen überhaupt in ihrer bedeutung erfassen?

sich gegenseitig das technische funktionieren von ton und kamera beizubringen, ist ehrenvoll und manchmal unaufschieblich, doch sagt es noch nichts über das produkt.

aber eine methode zu entwickeln, die das kollektive wissen präsent macht und das spezialisierte wissen beurteilen lernt, ist für mich kollektiv.

kollektiv mit den gesamterfahrungen umgehen.

eine herausgeberin ist nicht objektiv, überparteilich, unabhängig.

sondern subjektiv, parteilich, lohnabhängig.

Helke Sander

Der Text erschien im Juni 1976 in der Nummer 8 der Zeitschrift „frauen und film“ im Rotbuch Verlag, Berlin

 

Ein Ausriss im Original-Zeilenfall

„Das Experiment, eine WG zu gründen,
lässt sich gut an. Anna und Erik sind nicht
auf Untermieter angewiesen, aber die
euen Mitbewohner bringen Schwung in
ren Alltag. Sie diskutieren, feiern, strei-
n, saunieren und haben Spaß. Regis-
Thomas Winterberg, der in diese
ichte auch eigene Erfahrungen ein-
nnert sich indes nicht ver-
ndern vor allem ambivalent“
usw. usw. usw. usw. usw. usw. usw. bis hin zu dem Schlusssatz:
„Aber zum Glück steht sie auch wieder auf.“

Kein Wort zum Film, zu Farbe oder SW, zum Format, zur Musik, zu Schnitt, Kadrierung, Licht etc. etc.

 

 

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WORTE KOMMEN MEIST ZU SPAET – Hecate.

Lauren Hutton und Bernard Giraudeau