Textbüro

Karl Kessler kuckt Kino (III)

„Wie Duchamps möchte ich
die Unterschiede zwischen
Kunst und Leben, zwischen Lehrer und
Schüler, zwischen Darsteller und
Betrachter aufheben.“

John Cage

MannoMann
… „Was mich aber viel mehr aufregt, ist, dass Frauen in Hollywood nicht die gleichen Rechte als Regisseurinnen bekommen wie ihre männlichen Kollegen.

Können Sie das belegen?

Das ist mir selbst passiert. Hier ein Beispiel: 2007 kam mein Film „2 Tage Paris“ in die Kinos. Zur selben Zeit kam ein Film heraus, bei dem ein Mann Regie führte – ich sage nicht, wer. Er machte vielleicht zehn Prozent des Umsatzes, den mein Film machte. Beide Filme wurden vom Publikum sehr gut aufgenommen und bekamen gute Kritiken. Dem jungen Filmemacher, der in meinem Alter war, hat man danach alles angeboten – einen neuen Kinofilm, TV-Shows, Mainstream- und Arthouse-Projekte. Ich habe keinen einzigen Anruf von einem Studio bekommen. Niemand hat mir auch nur ein Projekt angeboten. Wollen Sie wissen, warum?

Sicher?

Wenn eine Frau einen erfolgreichen Film macht, dann ist das für die in Hollywood wie ein glücklicher Zufall. „Oh, das war ja ganz nett. Wer hätte das gedacht?“ Sie glauben einfach nicht, dass diese Frau Talent hat oder in der Lage ist, eine Geschichte gut und schlüssig zu erzählen.

Aber Sie haben diesen Erfolg an der Kinokasse doch schon ein paar Mal bewiesen.

Das spielt keine Rolle. Ich habe eine Reihe erfolgreicher Kinofilme gemacht – und die denken immer noch, das wäre Zufall. Ich muss zugeben, dass man das in Frankreich Gott sei Dank anders sieht. Aber in Amerika werde ich als Filmemacherin nicht ernst genommen.

Und das führen Sie darauf zurück, dass Sie eine Frau sind?

Das ist eine Tatsache. Als Mann hätte ich es viel einfacher. Noch ein Beispiel: Für den Film „Before Sunset“ war ich für das beste adaptierte Drehbuch für den Oscar nominiert. Glauben Sie wirklich, irgendjemand in Hollywood hat geglaubt, dass ich tatsächlich am Drehbuch ganz wesentlich mitgeschrieben habe?

Sie haben das Drehbuch zusammen mit Richard Linklater und Ethan Hawke geschrieben.

Ja, das waren zwei Männer und eine Frau. Aber in Hollywood hat man das nicht zur Kenntnis genommen. Da dachte man wohl, dass ich die Köchin für die beiden war oder ihnen Blowjobs gegeben habe.

Wie stecken Sie eine solche Enttäuschung weg?

Es hat lange gedauert, bis ich darüber lachen konnte. Mein Humor ist meine Stärke. Hätte ich den nicht, wäre ich wahrscheinlich schon lange weg vom Fenster. Aber natürlich fühle ich mich durch so eine Behandlung verletzt. Und es macht mich ängstlich und unsicher. Ich kann ihnen versichern, dass ich viel früher sterben werde als Ethan und Richard. Weil ich viel selbstzerstörerischer bin als sie – und mich ständig fühle, als wäre ich im Krieg.“

(Auszug aus einem Interview mit Julie Delpy in der „Berliner Zeitung“ vom 12./13. März 2016)

Julie Delpy, geb. 1969 in Paris, Tochter eines Schauspieler-Ehepaares, lebt in West Hollywood

Filme (Auswahl): Hitlerjunge Salomon (1990, Agnieszka Holland); „Homo Faber“ (1991, Volker Schlöndorff); „Drei Farben: Weiß“ (1994, Krzystzof Kieslowski); „Before Sunrise“ (1995, Richard Linklater); „Before Sunset“ (2004, Richard Linklaker), „Broken Flowers“ (2005, Jim Jarmusch); „Before Midnight“ (2013, Richard Linklater)

Regie: 2 Tage Paris / Deux jours à Paris (2007); Die Gräfin / The Countess (2009); Familientreffen mit Hindernissen / Le Skylab (2011); 2 Tage New York / 2 Days in New York (2012); Lolo – Drei ist einer zu viel / Lolo (2015)

 

Verbotene Utopie
„Eine wahrhaft umfassende Beschäftigung mit dem 11.Plenum des ZK der SED im Dezember 1965 leistet ein von der DEFA-Stiftung herausgegebener Sammelband. Mitherausgeber Andreas Kötzing beschäftigt sich auf 130 Seiten mit der Vorgeschichte, angefangen mit den sowjetischen Einflüssen in der SBZ/DDR nach dem Zweiten Weltkrieg. Spannend zu lesen ist dabei nicht zuletzt, dass die ‚Kulturkämpfe’ immer in Beziehung zu den Auseinandersetzungen um die Wirtschaft gesetzt werden. Ergänzt wird dieser Text durch persönliche Erinnerungen der Autorin Regine Sylvester. Im zweiten Teil werden zwölf verbotene Spielfilme, ein kurzer Dokumentarfilm und ‚inkriminierte Trickfilme’ kritisch gewürdigt, jedem Text sind umfassende filmografische Angaben sowie eine detaillierte Chronik der jeweiligen Zensurmaßnahmen beigegeben. Im dritten Teil schließlich werden auf 80 Seiten 15 Dokumente reproduziert – überwiegend Stellungnahmen der Hauptverwaltung Film. Eine schöne Beigabe ist eine 74-minütige CD mit Redebeiträgen vom 11. Plenum.“

Frank Arnold in „film bulletin – Zeitschrift für Film und Kino“; Zürich 2/2016

Icestorm hat eine DVD-Box unter dem Titel „Verboten“ mit zehn der in der DDR verbotenen Film herausgebracht: „Das Kaninchen bin ich“ (Kurt Maetzig), „Denk bloss nicht, dass ich heule (Frank Vogel), „Der Frühling braucht Zeit“ (Günter Stahnke), „Der verlorene Engel“ (Ralf Kirsten), „Karla“ (Herrmann Zschoche), „Wenn du groß bist, lieber Adam“ (Egon Günther), Spur der Steine„ (Frank Beyer), „Hände hoch oder ich schieße“ (Hans-Joachim Kasprzik), „Jahrgang 45“ (Jürgen Böttcher), „Berlin um die Ecke“ (Gerhard Klein).

 

Verpasste Filme 3/2016
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Die Sau
Dieser Tage durch „Saturn“ am Alexanderplatz getrödelt auf der Suche nach einer winzigen Knopfbatterie für eine hochpräzise Schublehre. Viele wussten gar nichts, einige gaben sich Mühe und schlussendlich hatte einer ausreichend Geduld mit mir und wusste auch noch, wo die kleinen Batterien zu finden seien. Vor dem Weg zur Kasse noch schnell durch die Horrorabteilung, DVD & Blue Ray, des Kaufhauses gefegt und geradezu en passent Fassbinders „Katzelmacher“ abgegriffen und mir, wieder daheim angekommen, sofort das gut 80-minütige Werk angeschaut, das ich zu kennen glaubte, aber irgendwie war das jetzt eine andere Version. Kurz gesagt: Ich sah den Film (schwarz/weiß) neu. Sehr neu.

In den Zettelkästen zur Filmgeschichte fanden sich Rezensionen derjenigen, die man damals ernst nehmen konnte: P.W. Jansen, K. Korn, M. Lenz und W. Schütte. Gerade mal nur zehn Jahre nach der Erfindung der Nouvelle vague in Frankreich, zeigte Fassbinder 1969, dass man hier so etwas auch könnte, wenn man nur wollte. Fassbinder wollte und er ließ sehen, was er wollte:

In der öden Szenerie irgendwo in einem Vorort Münchens vertreibt sich eine Gruppe junger Menschen ihre freudlose Zeit. Sie haben ihre wechselnden Verhältnisse, reden wenig, beuten einander aus, schinden, quälen und erniedrigen. In diesem Alltagsmuff taucht Jorgos auf, ein „Katzelmacher“ – bayrischer Schimpfname für südeuropäische Gastarbeiter – und versteht gar nichts. Die jungen Männer reagieren mit Fremdenhass, Potenzneid, Brutalität. Sie schlagen den „Griech aus Griechenland“ zusammen: „Eine Ordnung muss wieder her.“ Sau bleibt Sau.

Rainer Werner Fassbinder: „Katzelmacher“; Buch: Rainer Werner Fassbinder nach seinem gleichnamigen Bühnenstück; Kamer: Dietrich Lohmann; Musik: Peer Raben; Besetzung: Hanna Schygulla, Lilith Ungerer, Elga Sorbas, Doris Mattes, Rainer Werner Fassinder, Rudolf Waldemar Brem, Harry Baer, Hans Hirschmüller, Peter Moland, Hannes Gromball, Irm Hermann, Katrin Schaake; BRD 1969; 85 min.

DVD bei Arthaus(KulturSpiegel)

Kuss 3
„Die flambierte Frau“
ein Film von Robert von Ackeren.
Mit Gudrun Landgrebe und Mathieu Carriere.
Der große Erfolg des Deutschen Films.