Textbüro

Karl Kessler kuckt Kino (I)

„Wenn ich Kino sage,
kann ich nie umhin,
‚Saal’ zu denken
statt ‚Film’.“
Roland Barthes

Das Bild kennt keine Adjektive
„Ja, der Gedanke ist mir auch schon mal gekommen, Katholische Könige an den Grenzen des Reichs, Katholische Könige, die sich in permanentem Schrecken, permanenter Förmlichkeit gegenseitig bespitzeln, aber für mich, für die ich mindestens fünfzehn Stunden am Tag bin, sind sie ein Prinz und eine Prinzessin, die Liebenden, die durch die Zeiten gehen, verwundet, vom Pfeil getroffen, die auf der Jagd ihre Pferde verlieren, oder sogar nie Pferde besessen haben und zu Fuß fliehen, aufrecht gehalten von ihren Augen, von einem idiotischen Willen, den manche Güte nennen, andere eine natürliche gute Laune, als könnte man Natur adjektivieren, gut oder schlecht, wild oder zahm. Natur ist Natur.“
(Roberto Bolano: „Mörderische Huren – Erzählungen; München 2014, S.117)

Blick zurück im Zorn
Rangliste der deutschen Film und TV-Produktionen im Jahr 2014*

Note Titel

1.19 Traumfrauen
1.19 Der Fall Bruckner
1.32 Rico, Oskar und das Herzgebrechen
1.35 Polizeiruf 110 – Sturm im Kopf
1.37 Rentnercops – Jeder Tag zählt!
1.39 Schluss! Aus! Amen!
1.47 Polizeiruf – Im Schatten
1.48 Der Nanny
1.52 Heidi
1.61 Race
1.65 Tatort – Mord ist die beste Medizin
1.65 Mord mit Aussicht (Folge 34-39)
1.69 Die Chefin (Folge 17-24)
1.69 Soko Stuttgart (Folge 121-145)
1.72 Die Rosenheim-Cops (Folge 306-333)
1.73 Bettys Diagnose (Folge 1-12)
1.75 Die abhandene Welt
1.80 Die Pfefferkörner (Folge 131-143)
1.80 Dr. Klein (Folge 1-12)
1.89 Herzensbrecher (Folge 11-22)
1.90 Notruf Hafenkante
2.00 Danni Lowinski (Folge 53-65)
2.00 Till Eulenspiegel
2.00 Alles nach Plan (Folge 1-6)
2.00 Das beste Stück vom Braten
2.05 Das Kloster bleibt im Dorf
2.07 Heiter bis tödlich – München 7 (Folge 25-32)
2.07 Täterätää! Die Kirche bleibt im Dorf 2
2.11 Bibi & Tina 2 – Voll verhext
2.12 Toleranz
2.12 Weißensee (Folge 13-18)
2.17 Die Insassen
2.26 Soko Köln (Folge 216-240)
2.27 Tod eines Mädchens
2.31 Fünf Freunde 4
2.38 Das Programm
2.38 Grzimek
2.41 Schuld (Folge 1-6)
2.41 Agent 47
2.43 Elser – Er hätte die Welt verändert
2.47 Männer! Alles auf Anfang (Folge 1-13)
2.50 Bella – Meine allerschlimmste Freundin
2.50 Heldt (Folge 19-33)
2.50 Ostwind 2
2.50 Der Lehrer (Folge 8-17)
2.53 Kleine Ziege, sturer Bock
2.53 Aktenzeichen XY … ungelöst
2.53 Silvia S.
2.57 Alles ist Liebe
2.59 Tannbach – Schicksal eines Dorfes
2.60 Verfehlung
2.61 Heiter bis tödlich – Der Mama (Folge 1-8)
2.62 Großstadtrevier
2.64 Witwenmacher
2.65 Dengler – Die letzte Flucht
2.71 Herbert 2.71 Ein Atem
2.74 Point Break
2.75 Axel der Held
2.80 Ein Fall von Liebe (Folge 1-16)
2.81 Hochzeitskönig
2.81 Neben der Spur – Amnesie
2.86 Alarm für Cobra 11 – Die Autobahnpolizei
2.87 Honig im Kopf
2.93 Der Alte
2.93 Inas neues Leben
2.94 Sibel & Max (Folge 1-12)
3.05 Nackt unter Wölfen
3.13 In aller Freundschaft
3.25 Fritz Lang – Der andere in uns
3.28 Landliebe
3.28 Soko 5113 (Folge 535-559)
3.32 Halbe Brüder
3.39 Hilfe, ich hab meine Lehrerin geschrumpft
3.59 Soko Leipzig
3.59 Autobahn
4.29 Armans Geheimnis (Folge 1-13)
4.76 Käthe Kruse

* Die Benotung basiert auf Umfragen zu den Produktionen. Gefragt wurde nach den Arbeitsbedingungen, von den Verträgen bis hin zum zwischenmenschlichen Umgang am Set. Der beste Film („Käthe Kruse“) erhält einen Preis, den „Hoffnungsschimmer“, den die Berufsverbände der Branche seit 2011 vergeben. Künftig wird der Preis „Fair Film Award“ heißen. An den Arbeitsbedingungen wird sich nichts ändern.

Vorletzte Worte
„Ich gehe nicht mehr ins Kino. Ich weiß nicht, ob ,Lola rennt’ Diarrhoe mit der Kamera ist oder nicht vielleicht doch ein ganz guter Film.”
(Fritz J. Raddatz: „Ich war eine sehr schnelle Ratte“, Interview in „Berliner Zeitung“ vom 31.1./1.2.2015)

Geht auf die Straße
„Diese Geschichte braucht schon ein abgründiges, großstädtisches Umfeld, sie gehört eigentlich auch nach Leipzig. Sonst wäre sie nicht authentisch – obwohl ich den Begriff nicht mag. Authentizität gibt’s nicht im Kino. Was ist authentisch? Ist das die Wirklichkeit? Die findet man im Kino nicht. Wenn man die sehen will, sollte man auf die Straße gehen oder aus dem Fenster gucken. Kino ist ein Ort, wo Geschichten erzählt werden, wo Realität in komprimierter Form stattfindet, weil ich ja immer was weglasse, was der Zuschauer nicht sieht. Also man findet im Kino nicht die Wirklichkeit, aber mit etwas Glück eine Form von Wahrheit.“
(Andreas Dresen in einem Gespräch über seinen Film „Als wir träumten“ in „cineart“ 339, Seite 4)

Hollywood ist doof
„Wie so viele habe auch ich mir Ghost angesehen, ich weiß nicht, ob ihr euch an den noch erinnert, ein Kassenschlager, ein Film mit Demi Moore und Whoopi Goldberg, in dem Patrick Swayze erschossen wird und sein Körper auf einer Straße in Manhattan, womöglich einer Seitenstraße, jedenfalls einer schmutzigen Straße, liegen bleibt, während Patrick Swayzes Geist sich unter (vor allem für die damalige Zeit) protzigen Zurschaustellung von Spezialeffekten von seinem Körper löst und verdutzt den eigenen Leichnam betrachtet. Also, ich fand das idiotisch (von den Spezialeffekten ganz abgesehen). Eine billige Lösung, typisches Hollywood-Kino, oberflächlich und absolut unglaubwürdig.“
(Roberto Bolano: „Mörderische Huren – Erzählungen; München 2014, S.128)

Sinnmüdigkeit und Kreatürlichkeit
„Und so kam es, dass vor dem ersten Berlinale-Screening von Terence Malicks neuer Regiearbeit diverse heitere Vorschläge durch den Saal flogen. Etwa dieser: Wann immer in ‚Knight of Cups’ das Wort ‚Gott’ fällt oder ein Grashalm, eine Wolke, eine Meereswelle, ein Körperteil ins Bild rückt, machen wir alle eine La-Ola-Welle. Ein anderer Vorschlag lautete, bei diesen Gelegenheiten jeweils Bullshit-Bingo zu spielen. Am Ende wurden alle Einfälle verworfen (….), weil einfach zu viel zu tun gewesen wäre.(…) Der Mann dreht keine Filme im konventionellen Sinn; klar zugängliche Geschichten oder Figuren findet man hier nicht. Nein, die jüngeren Arbeiten von Malick sind vielmehr visuelle Essays mit komplexem theosophischen Ansatz; in ihnen werden größte Banalitäten und tiefste eschatologische Diskurse eng zusammengeführt, wobei gleichzeitig ein permanent hochgestimmter Erzählton herrscht. Das kann einem schon mal auf die Nerven gehen, keine Frage. Und dennoch: Kaum ein Filmmacher der Gegenwart verhandelt die Entfremdungserfahrungen, Sinnmüdigkeit und Kreatürlichkeit des Menschen zu berückend und hypnotisch, wie Terence Malick das tut.“
(Anke Westphal in der „Berliner Zeitung“ vom 9.2.2015)

Schweigschwarz
Es ist der jüngste Film des Dänen Lars von Trier: „Nymphomaniac“. Hierzulande und nur hierzulande heißt er „Nymph()maniac“ damit auch die letzten Deppen verstehen, dass es hier irgendwie um die Vulva geht, genauer: Schamlippen, labia majora pudendi und labia minora pudendi. Aber das nur nebenbei.

Wie beginnt der Film?

Mit einem Schwarzbild, in das nach 16 Sekunden der Titel ein- und nach weiteren 10 Sekunden ausgeblendet wird. Dann wieder Schwarzbild. Es gibt nichts zu sehen. Der Ton ist sehr sanft: Wind, Regen, Regentropfen. Eine Minute und 56 Sekunden lang nur Schwarz in einem dunklen Kinosaal. Hat der Film schon angefangen? Ist der Projektor, der Beamer kaputt? Die Sicherung durchgebrannt? Soll das so weitergehen? Ein Film ohne bewegte Bilder? Nach einer Minute gibt es dunkles feuchtes Mauerwerk zu sehen, Regen, Wasser. Die Kamera schleicht durch einen sehr dunklen Raum, touchiert kurz eine blutverschmierte Hand und zoomt schließlich in ein Schwarzes Loch im Mauerwerk. Schnitt. Eine Frau liegt auf Pflastersteinen in einem düsteren Hof. Rammstein dröhnt los. Ein älterer Mann zieht sich eine Jacke an. Es geht los, dauert gut fünf Stunden und endet mit dem Abspann: weiße Schrift auf schwarzem Grund. Keine Musik, kein Ton.

L’homme Atlantique [Atlantik Mann]
Ein Film – zum Teil aus Resten von “Agatha” und mit einem einzigen Schauspieler: Yann Andréa. Man hört nur die Stimme von Marguerite Duras: “Ich liebe Sie nicht mehr so wie am ersten Tag. Ich liebe Sie nicht mehr. … Ich bin in einer Liebe zwischen Leben und Sterben.”

Laure Adler, Duras’ Biografin: “Das Werk geht einem sehr nahe, so sehr ist es vom Schmerz über den Verlust durchdrungen. Bevor der Film anlief, hielt es Duras für angebracht, einen Text zu schreiben, um die Zuschauer zu warnen: Diejenigen, die glauben, sie hätten ein Anrecht auf Kino, sollten sich den Film gar nicht erst anschauen, sondern ihn meiden, ihn vergessen; den anderen aber rät sie, ihn unbedingt zu sehen und unter gar einen Umständen zu versäumen, denn das Leben ist kurz wie ein Blitz, und der Film wird vielleicht nur 14 Tage gezeigt werden.”
(
Frankreich 1981; 
Buch und Regie: Marguerite Duras
; Kamera: Dominique Lerigoleur, Jean-Pierre Meurisse; 
Darsteller: Yann Andréa
; 42 min, Original mit englischen Untertiteln;

Der Text des Films von Marguerite Duras wurde 1982 unter dem Titel „L’homme atlantique bei Les Editions de Minuit in Paris erstveröfftlicht. Eine deutsche Übersetzung erschien 1985 bei Stroemfeld / Roter Stern, Basel, Frankfurt).

Der Film ist eine Zumutung. Vermeintlich. Er zeigt nicht nur nichts, es gibt auch nichts zu sehen. Das Restmaterial von „Agatha“ reichte vorn und hinten nicht. Gestreckt wurde er durch Schwarzfilm und Filmaufnahmen einer mehr oder minder blanken See.

Duras spricht die ersten Sätze:

„Sie werden nicht in die Kamera schauen. Außer wenn es von Ihnen verlangt wird. Sie werden vergessen. Sie werden vergessen.“

Und die letzten:

„Ich bin in einer Liebe zwischen Leben und Sterben. Durch diesen Mangel an Gefühl Ihrerseits finde ich Ihre Eigenart wieder: mir einfach zu gefallen. Ich glaube, mir liegt nur noch daran, dass das Leben Sie nicht verlässt,nichts weiter, wie es sich abspielt, lässt mich gleichgültig, es kann mir nicht beibringen über Sier, es vermag nur, mir den Tod näher zu bringen, ihn zulässiger, ja wünschenswert werden zu lassen. Auf diese Weise stehen Sie mir gegenüber, zart, eine immerwährende, unschuldige, undurchdringliche Herausforderung.

Sie wissen es nicht.“

Verpasste Filme 1/2016
„Louder than bombs“ von Joachim Trier mit Isabelle Huppert und Gabriel Byrne – „Je suis Charlie /L’humour à mort“ von Daniel Leconte und Emmanuel Leconte – „Im Schatten der Frauen / L’ombre des femmes“ von Philippe Garrel mit Vimala Pons, Clotilde Coureau und Stanislas Merher – „Der Bunker“ von Nikias Chryssos mit David Scheller, Pit Bukowski, Daniel Fripan, Oona von Maydell

 

Psycho/Film1

 

 

 

 

 

„PSYCHO III. Furchterregende Vorfälle im Motel verunsichern Maureen (Diana Scarwid). Noch erdrückt sie der geheimnisvolle Norman (Anthony Perkins) mit seiner Liebe.“