Textbüro

Karl Kessler kuckt Kino (II)

Die Gegenwart
gibt es nicht, außer

in schlechten Filmen.“
Jean-Luc Godard

Kurze Schärfe
Die Mitgliederzeitschrift der Gewerkschaft verdi veröffentlichte in ihrer jüngsten Ausgabe auf einer Ein-Drittel-Seite ein Besprechung des Films „Suffragette“ von Sarah Gavron. Dabei gelingt es der Autorin, fast nichts über den Film, aber viel über die Geschichte der Suffragetten zu erzählen.
Die nur mit großer Güte zum Filmischen des Films zu zählenden Sätze lauten: „Lebendig und mit dokumentarischer Schärfe rekapituliert das Emanzipationsdrama, wie sich die Pionierinnern nach Phasen friedlicher Revolten, von den Männern verhöhnt, um 1912 radikalisieren“ und „Ihr Auftritt ist kurz, aber großartig“. Zusammengefasst heißt das: Die dokumentarische Schärfe ist kurz. Oder so. Oder vielleicht auch nicht so. Also: soso.

Mehr Geld für die Künste
Das verspricht die Staatsministerin für Kultur und Medien, Monika Grütters. Zwar ist ihr für dieses Jahr der Deutsche Filmförderfonds um 10 Millionen Euro gekürzt worden, doch die Mittel für die kulturelle Filmförderung wurden im Haushalt 2016 um 15 Millionen Euro fast verdoppelt: Rund 28 Millionen Euro stehen nun allein für den „künstlerisch herausragenden deutschen Kinofilm“ bereit.
Unabhängig von Standorteffekten oder Erwartungen an den ökonomischen Erfolg eines Films solle den Kreativen im Filmbereich ein größerer künstlerischer Freiraum ermöglicht werden, erklärt die Kulturstaatsministerin: »Wichtig ist mir, dass jede Kunstförderung auch neuen Talenten die Möglichkeit zur Entfaltung gibt. Sie muss offen sein für neue Formen des filmischen Schaffens, so dass Kreativität und das Experiment im Vordergrund stehen.“ Über die Vergabe entscheidet eine Jury. Mit dem Geld sollen hauptsächlich lange Spiel-, Kinder und Dokumentarfilme gefördert werden. Die bisherige Höchstsumme von 250.000 Euro soll bis auf das Vierfache, das Höchstbudget von 2,5 Millionen Euro auf das Doppelte angehoben werden. Zudem soll der zulässige Anteil der Fördersumme am Gesamtbudget auf bis zu 80 Prozent erhöht werden. Außerdem würden die Drehbuchförderung ausgebaut, eine Stoffentwicklungsförderung für Dokumentarfilme eingerichtet und der Takt der Förderrunden erhöht. Um die Filme dem Publikum näher zu bringen, werden Verleihförderung und Kinoprogrammpreisprämien aufgestockt.

www.kulturstaatsministerin.de

Männergewerbe
Im Bundesverband Regie, abgekürzt BVR, sind 580 Menschen, registriert. 85 Prozent sind Männer, obwohl fast eben so viele Frauen wie Männer an den Filmhochschulen des Landes im Fach Regie einen Abschluss machen.
Zwischen 2011 und 2013 hat es bei den Serien- und Reihenformaten der ARD und des ZDF keine Regisseurin geschafft, in einem dieser Formate Regie zu führen. Lediglich elf Prozent der Filme im deutschen Hauptabendprogramm sind von Frauen gemacht worden.
83 Prozent der Filmförderung in Deutschland geht an Filme, in denen Männer die Regie geführt haben. Zudem bekommen von Frauen gemachte Filme auch noch 35 Prozent weniger Geld als ihre Kollegen. Das geringere Budget bedeutet: Von Frauen gemachte Filme kommen mit viel weniger Kopien in die Kinos und die Zahl der verkauften Kinokarten ist deutlich niedriger.

„die gewalttätigkeit der frauen“
wenn frauen die kämpfe der männer imitieren, werden sie immer schwächer sein. sie müssen neue kampfformen finden. auf der frauendemonstration in hendaye gegen die todesurteile in spanien wurde das deutlich. einige frauen schrien und ballten die fäuste, während andere frauen nur summten – mit zusammengepressten lippen machten sie „mmmmm“ und bewegten sich in einer reihe vorwärts. das ist ein beispiel für eine neue form der demonstration, die hundertmal stärker sein kann als die faust. denn an schreien mit erhobener faust gibt es doch schon eine richtige inflation, und ich jedenfalls gehe einfach weiter, wenn ich dieses schreien höre. im film und in der kunst müssen wir eben auch eine sprache finden, die uns angemessen ist, die nicht schwarz oder weiss ist.
(…)
filme machen ist für alle menschen schwierig, die männer haben auch schwierigkeiten, neue ausdrucksformen zu finden. aber der blick, mit dem frauen die dinge ansehen, ist oft verschieden von dem der männer. die art, wie sich dieser blick ausdrückt, ist nicht ohne weiteres zu vermarkten, drückt sich nicht in einer traditionell verwertbaren weise aus. genau das finde ich so kompliziert. natürlich hört man immer wieder “ach, das hat eine frau gemacht“ und „frauen sind so weich“ und so „süss wie honig“, aber wenn frauen ihren blick, ihre betrachtungtungsweise konkretisieren, ist das sehr heftig, sehr gewalttätig. nur drückt sich diese gewalt eben nicht so aus wie bei männern. die gewalttätigkeit der frauen ist nicht kommerziell, sie liegt ausserhalb der beschreibung. mein film ist z.b sehr heftig – wenn die hauptdarstellerin mit dem rücken zur kamera den abwasch macht, das ist eine szene von extremer gewalttätigkeit, der ausdruck von gewalttätigkeit ausserhalb der beschreibung.
(Chantel Akerman in einem Gespräch
mit Claudia Alemann und Heike Hurst
in „Frauen und Film“, Nr. 7, März 1976,
rotbuch verlag)

Chantal Akerman, geboren am 6. Juni 1950 in Brüssel, gestorben am 5. Oktober 2015 in Paris, war eine bedeutende Filmregisseurin, Drehbuchautorin und Schauspielerin, die mit einem eindeutigen feministischen Ansatz zu Werke ging. Ihre rund 50 Kurz- und Langfilme sind geprägt durch eine Melange aus Dokument und Fiktion, Komik und Tragik, Selbsterfahrung und Fremderkundung. Ihren Filmen wohnte eine sanfte Rigorosität inne.

Probier’s mal mit Gemütlichkeit
Das Filmforum in Köln zeigt im Museum Ludwig das ganze Jahr 2016 über zehn Filme aus neun Jahrzehnten, die sich nur einem verschrieben haben: dem Müßiggang. Gezeigt werden: „Menschen am Sonntag“ von Robert Siodmak und Edgar G. Ulmer (1930), „Die Müßigänger“ vom Federico Fellini (1952), „Tausendschönchen“ von Vera Chytilová (1966), „Die Sammlerin“ von Eric Rohmer (1967), „Zur Sache, Schätzchen“ von May Spils (1968), „Chapeau Claque“ von Ulrich Schamoni (1974), „Permanent Vacation“ von Jim Jarmusch (1980), „Ferris macht blau“ von John Hughes (1986), „The Big Lebowski“ von Joel und Ethan Coen (1998), „La grande bellezza“ von Paolo Sorrentino (2013).

Verpasste Filme 2/2016
„Der Kuaför aus der Keupstrasse“ von Andreas Maus mit Taner Sahintürk, Atilla Öner, Sesede Terziyan – „Als wir die Zukunft waren“ von Lars Barthel, Hannes Schönemann, Gabriele Denecke, Peter Kahane mit Lars Barthel, Hannes Schönemann, Gabriele Denecke, Peter Kahane – „Miss Lovely“ von Ashim Ahluwalia mit Vineet Singh, Niharika Singh, Anil George

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„AUF IMMER UND EWIG. Ein Mann und eine Frau begegnen sich nach neun Jahren der Trennung wieder. Sie lebt mit einem anderen Mann, er mit einer anderen Frau, aber sie stellen fest, dass sie nie aufgehört haben, sich zu lieben. Er weiß nicht, warum sie ihn damals verlassen hat, er weiß nicht, warum sie jetzt zu ihm zurückkehrt, und er weiß nicht, dass sie ein Kind von ihm hat. Aber kein Zweifel, keine Lüge, kein Schweigen kann ihre Liebe zerstören.
Sie lieben sich, so scheint es, für alle Zeiten.
Sie vergessen den Tod.“