Textbüro

FünfDreizehn

Jochen Schimmang ist für eine Ostbraut wieder so eine Entdeckung. Kein Ende des Nachholens in Sicht. Was wir alles verpasst haben. Also „Der schöne Vogel Phönix“. Neunundsiebzig erschienen. War ich siebzehn und gewöhnte mir in Potsdam den anhaltinischen Dialekt ab. Grauenvolle Sprachmelodien. Das konnte nicht „jut jehn“ im Preußischen Beamtenpotsdam. Der Gesangslehrerin trieb es die Tränen in die Augen. Alte Dame, die mir eine Zukunft versprach, vorausgesetzt, ich ließe das mit dem Rauchen.
Schimmang jedenfalls schreibt: Ich interessiere mich nicht wirklich für Geschichten. Sie sind nicht wahr. Natürlich: Geschichten passieren und in dem Augenblick, in dem Zeitraum, da sie passieren, sind sie wahr, sind sie wenigstens wirklich. Hinterher aber, wenn sie erzählt werden, werden sie unwahr.
Die Geschichte heute am Wahltag ist, dass alle Hundebesitzerinnen im Quartier die AfD wählen werden. Zumindest die mit kleinen Hunden. Sonntags trifft man sie am Morgen. Brötchen bei Reichelt und die erste Zigarette, während die Töle sich löst. Da kommt man hinterm Block ins Reden. Der Dackel hat Geburtstag gehabt. Dreizehn. Hut ab, sagen die Frauen, und noch so fit.
Warum AfD frag ich. Weil die uns nicht gefragt haben, ob wir den Euro wollen. Und hätt’st du ihn abgelehnt, wärst du gefragt worden? Nein. Ich will aber gefragt werden.
Es riecht ein bisschen nach Reicheltbrötchen. Die sind in zwei Stunden nicht mehr genießbar. Aber jetzt riechen sie gut. Also Tschüss und Auf Wiedersehen.
Vielleicht kommt die AfD rein, weil es keinen Volksentscheid gegeben hat. Komischer Gedanke, dass eine erzkonservative Truppe von der Steilvorlage anderer konservativer Truppen und gar von Rot-Grün profitiert. Könnte man eine schöne Verschwörungstheorie. Aber Hundebesitzerinnen sind nicht repräsentativ. Und Verschwörungstheorien machen keinen Spaß mehr.
Trotzdem werden immer noch Geschichten erzählt, und es muss Gründe dafür geben, warum man sich das Erzählen von Geschichten nicht abgewöhnen kann und warum sie angehört werden, obwohl sie nicht wahr sind.
Schreibt Schimmang. So hat der Tag auch was Gutes.