Textbüro

Elfvierzehn

Kaufe in der Buchhandlung ein Buch mit dem Titel „Der symbolische Tausch und der Tod“ von Jean Baudrillard. Eingeschweißt habe ich es in Geschenkpapier verpackt und dem Liebsten geschenkt. Es hatte auf seiner Wunschliste gestanden.
Irgendwann wird es ausgepackt aus der Folie und mit dem Daumen werden die Seiten geprüft. Wie sie sich anfühlen. Das Buch riecht, wie ein gutes Buch eben riecht.
Ab der Seite vierundneunzig sind Sätze sorgfältig mit Bleistift unterstrichen. Wie man es kennt aus früheren Studienjahren. Immer mit Bleistift unterstreichen, denn die Bedeutsamkeit der Sätze verschiebt sich im Laufe eines Lebens. Was jetzt so wunderbar klingt, dass man es am liebsten selbst geschrieben hätte, kann morgen schon ganz belanglos sein. Oder einverleibt, dass es keiner Unterstreichung mehr bedarf. Dann lässt sich alles mit einem Radiergummi tilgen und von vorn anfangen.aufzug
Schöne Layoutidee, denkt man. Ein bisschen chaotisch, die Unterstreichungen, Ausrufe- und Fragezeichen. Aber da hat sich jemand etwas gedacht.
Trotzdem wird die Probe mit dem Radiergummi gemacht. Und tatsächlich, die Unterstreichungen lassen sich tilgen. Das spricht gegen eine Layoutidee. Drei Ausrufezeichen neben dem Satz „Wir leben nach dem Modus des Referendums, gerade weil es keine Referenz mehr gibt.“ Dicke Bleistiftstriche unter der Erkenntnis „Jetzt beginnt für die Kunst ihre unbegrenzte Reproduktion. Alles, was sich selbst verdoppelt, selbst die banale und alltägliche Realität, steht gleichermaßen im Zeichen der Kunst und wird ästhetisch.“
Wer hat es geschafft, dieses Buch – wahrlich keine leichte Kost – zu lesen, bevor es fakturiert, in Folie geschweißt und auf die Reise in eine Buchhandlung geschickt wurde?
Es wäre eine Überlegung wert, den Verlag zu fragen. Matthes & Seitz Berlin. Nicht weit von hier. Aber was, wenn sich das Geheimnis lüften lässt und ganz banal ist?
Lieber nicht fragen.