Textbüro

Achtzehnvierzehn

Fünf Euro für sieben Stunden. Der Kassenautomat im Parkhaus schiebt den Schein drei Mal hin und her, als koste er, wie der schmeckt, bevor er ihn akzeptiert.
Zwei Mal in diesen sieben Stunden ist der Hubschrauber auf dem Dach des Krankenhauses gelandet und gestartet. Tut er das vibrieren die festgeschraubten Sitze im Erdgeschoss, auf denen Menschen darauf warten, dass sie aufgerufen werden. Ihre Rollkoffer sind gepackt für einige Tage Krankenhausaufenthalt. Für den Fall aller Fälle, den sie nicht wollen, aber eingeplant haben. Schiebt sich der Katheter durch die Gefäße kann es sein, dass er irgendwann nicht weiterkommt. Das ist dann so ein Fall. Das Leben ist im Fluss aber es verstopft auch Gefäße, wenn es ihm gefällt. Die raucht und isst man sich eng, so lange, bis das Herz anfängt, zu stolpern oder müde zu werden.
Rotgesichtige dicke Männer und kurzatmige runde Frauen tasten nach ihren Rollkoffern und überlegen, ob sie den Bademantel eingepackt haben. Sie schielen auf den Automaten, der neben den Stuhlreihen steht und allerlei Dinge enthält, die Gefäße verstopfen, bis das Blut nicht mehr weiterweiß.
Nur ein Anbieter lässt zu, dass hin und wieder ein Telefon klingelt. Alle anderen Telefone bleiben stumm. Kein Netz, das macht die Menschen nervös. Sie halten ihr Mobiles hoch und dicht ans Fenster. Träge baut sich ein Balken auf und fällt in sich zusammen, als sei er es leid.
Spezialisiert auf Unfälle und Brandverletzungen, aber auch auf das Leben, das einem die Gefäße verstopft. Das Krankenhaus macht gut von sich reden. Es leistet sich einen langen, glasüberdachten Flur, der den Eindruck eines Sanatoriums erweckt. Die Gewerkschaft sitzt am Anfang des Flures, hat rote Hocker hingestellt, Bonbons und Faltblätter bereitgelegt und wartet auf den Streik. Bald muss es wieder um Geld gehen. Hier drinnen arbeiten Menschen bis zum Umfallen und draußen steigen die Lebenshaltungskosten.erste_hilfe_2
Auf den festgeschraubten Stühlen vor dem Katheterlabor sitzen die rotgesichtigen Männer und ängstlichen Frauen und starren auf die vorbeirollenden Krankenhausbetten in denen müde Gestalten liegen. Der dünnfaserige Mundschutz auf den Gesichtern der Brandverletzten bläht sich und zieht sich zusammen, das wunde Fleisch ringsherum weckt morbide Neugier. Dass nur mir so etwas nicht passiert. Ein Mann liegt auf dem Bauch auf einer Rollbahre, deren Räder er selbst bewegt. Vielleicht zählt er die Fliesen auf dem Boden. Hebt hin und wieder den Kopf, um zu sehen, ob er vom Weg abkommt. Später raucht er, auf dem Bauch liegend, draußen im Nieselregen eine Zigarette. Verstopfte Gefäße sind gerade nicht sein größtes Problem. Er kann den Himmel nicht sehen.
In der Cafeteria gibt es Rührei für zweifünfundsechzig. Die Kellnerin hat eine neue Gleitsichtbrille und geht wie auf rohen Eiern. Dann fällt sie doch und schlägt mit dem Kopf auf die Glasplatte eines Bistrotisches. Alle halten kurz die Luft an. Auch die Verbrannten, deren Augen im rohen Fleisch einen unnatürlichen Glanz haben. Die Kellnerin steht auf und sagt, es reiche ihr nun mit der Brille. Sie geht hinter den Tresen und kühlt die Stirn. Hinter großen Schlagzeilen verschwinden die Gesichter der Neugierigen wieder. Nena verlässt The voice of Germany. Die Bosshoss-Cowboys sind weg und Xavier Naidoo war der erste. Wer wird den Stimmen jetzt zu Ruhm verhelfen?
Vor dem HKL sind drei Rollkoffer verschwunden und zwei neue dazugekommen.
Das Leben war schon immer eine Versuchung. Jetzt hockt es in einem Automaten und bietet sich als Marsriegel an.