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AchtDreizehn

Vom Potsdamer Hauptbahnhof kommend ist das Schloss, in dem die parlamentarische Demokratie sitzt, noch erträglich. Es liegt wie eine zu groß geratene rosafarbene Torte an einem tiefer gelegenen Punkt der Stadtlandschaft. Störend zwar, aber nicht bedrohlich. Historisierender Zuckerguss halt – in Potsdam hat man ein Händchen dafür. Die ganze Innenstadt wirkt wie eine Filmkulisse, in der es sich gut leben lässt. Das Schloss umrundend fehlt uns die Vorstellungskraft, dass es wirklich die parlamentarische Demokratie beherbergt. Andererseits ist das ja kein Jahrmarkt, sondern ernsthaftes Bemühen hinter meist verschlossenen Türen. Warum also nicht? Auf dem Neuen Markt – wirklich schön – stehen Reisegruppen und warten geduldig darauf, welche Restauration ihnen zugewiesen wird vom Reiseleiter, der die obligatorische Liste in der Hand hält und einmal mehr versucht zu sein scheint, den Kindergarten durchzuzählen und in Zweierreihen antreten zu lassen. “Üb immer Treu und Redlichkeit” bimmelt es aus naher Ferne. Irgendwann wird auch die Garnisonskirche wieder stehen. Welch grässliche Vorstellung und unredliches Ansinnen.
Dann sitzen wir im “Froschkasten”, einst ein begehrtes Lokal. Als Potsdam noch Bezirkshauptstadt war. Jetzt ist es Kneipe mit einem anrührend traurigen Charme und Mut zur Infantilität. In allen Formen, Farben, Größen und aus jedem denkbaren Material gemacht, stehen, liegen, posieren Frösche auf altem Holz und hübschen Imitaten. Sie hängen an den Wänden, grüßen von der Decke, formieren sich in einem alten Regal zu einer Orgie aus Gips, besetzen den Tresen, grinsen oder drohen. Die Kellnerin, blondiert gelockt, ein wenig unwirsch am Anfang, doch zunehmend freundlicher, je länger der Abend dauert, wirkt, als wäre sie gecastet worden für dieses Ambiente. Sie kommt mit der Weinflasche an den Tisch, wenn man den Wunsch nach Nachschub per Handzeichen signalisiert, und gießt das Glas ganz voll. Eine unglaublich freundliche Geste, die uns für einen Moment mit Treu und Redlichkeit versöhnt. Potsdam ist toll. Ein Anachronismus zum Knuddeln.